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Presse/Wettbewerbe

Sonderpreis_189

Wettbewerb „NRW ohne Barrieren" oder „Kalle Stolperfalle"

„Anders sehen lernen"

Bei dem Wettbewerb, zu dem die Behindertenbeauftragte Angelika Gemkow aus Bielefeld und Schulministerin Barbara Sommer aufriefen, haben wir als evangelische Religionsklasse 4b teilgenommen.
Es galt, Behinderungen für behinderte Personen aufzuspüren und ein entsprechendes Plakat zu gestalten.
Die Schüler haben in Kleingruppen zusammen gearbeitet. Durch die einführende Geschichte zum Detektiv „Kalle Stolperfalle" wurden die Schüler angeregt, in ihrem Umfeld Barrieren für Behinderte wahrzunehmen und gestalterisch aufzugreifen.
Die Schüler waren aber schon zuvor sensibilisiert durch eigene Erfahrungen und durch den mehrfachen Besuch einer blinden Frau, die immer wieder gerne und bereitwillig in verschiedene Klassen der Sudbrackschule kam, um über ihre Befindlichkeit und über ihre Vorstellung von Integration Behinderter zu berichten und besonders auch beeindruckende praktische Erfahrungen für die Schüler und Lehrer zu ermöglichen.

So brachte sie stets Materialien und Hilfsmittel mit, die halfen, sich in die Situation blinder oder anders behinderter Menschen hinein zu versetzen. Ihre große Offenheit und Bereitschaft, sich den Fragen und Vorbehalten der Schüler und Lehrer zu stellen, war sehr beeindruckend und gewinnbringend.

Eine intensive Begegnung fand statt, indem die Kinder sie z.B. von der Bahn abholten und begleiteten, aber auch über die vorbereiteten Materialien und praktischen Anregungen, anhand derer sie uns an ihrem Leben und an ihren Gegebenheiten und Bedürfnissen teilhaben ließ.

Als wir dann zu der Preisvergabe eingeladen wurden, waren die Schüler begeistert, Frau Finzel einzuladen, uns zu begleiten, was Frau Finzel wiederum sehr erfreute, da sie gerade ein seelisches Tief hinter sich hatte.

Als ich Frau Finzel abholte, wurde ich fast Zeugin, wie sie überfahren worden wäre, hätte nicht eine beherzte Passantin sie zurück gehalten, denn die Baumaßnahmen an der August Bebel Straße ließen nicht zu, dass Frau Finzel sich an den normalen Autogeräuschen orientieren konnte.

Durch die Begleitung von Frau Finzel wurde die Fahrt nach Düsseldorf und die Preisverleihung eine authentische Angelegenheit mit Hindernissen: wir kamen zu spät, weil der Bus nicht wie verabredet an der Ecke Sudbrackstraße/Klarhorststraße stand und weil Frau Finzel die Tasche mit den Spielen in der Aufregung in ihrer Wohnung vergessen hatte. So musste ich als sehende Person verstehen, was sie mir gesagt hatte, wo ich die Tasche finde und wie ich ihr Schloss auf bekomme…

Der Bus war dann entgegen der Verabredung vor der Schule und ich musste mit Frau Finzel und den vielen Taschen die Strecke zurücklegen zum Bus, wo schon Frau Handt mit den Kindern wartete.

Auf der Busfahrt sind dann verschiedene Kinder, die sich getraut haben,  in den Genuss gekommen, allein mit Frau Finzel zu reden oder z. B. ein Kartenspiel mit ihr zu spielen.

In Düsseldorf angekommen, entließ uns der Busfahrer, verspätet durch Staus und in Unkenntnis der Situation vor Ort, in der Nähe des Ziels an einer Stelle, von der aus wir zu Fuß gehen mussten, obwohl wir hätten direkt hingebracht werden können.

Wir steuerten in aller Hektik das falsche Gebäude an: den Landtag!
Panik: der Bus weg, wir falsch! Frau Finzel, die nichts sah und kürzlich erst gesundheitliche Schwierigkeiten hatte, musste blind hetzen…
Zum Glück war dann das Ziel, die Staatskanzlei,  in unmittelbarer Nähe!!!
Dort hatte man uns schon erfolglos hinterher telefoniert…

Aber wir (Frau Finzel und ich) mussten noch „austreten". Das Behindertenklo bot man ihr an, aber das gefiel ihr gar nicht, weil sie sich viel besser im kleineren „normalen Klo" orientieren kann. Einen Stuhl bot man ihr danach an, was ihr deshalb nicht gefiel, weil sie dann gleich ausgeschlossen ist vom normalen Sein. Sie konnte ja nicht sehen, dass sie nicht die einzige war, die saß… Sie könne ja stehen, sei „nur blind" und sitze nicht auf ihren Augen…

Ich habe viel gelernt an dem Tag von meinen Behinderungen, mit „Behinderten" umzugehen und von der Freiheit einiger Kinder damit umzugehen.

Ich bewundere Frau Finzel für ihre Art, mit ihrer Behinderung umzugehen und für die Botschaft, die sie uns übermitteln will: habt keine Angst, aber fragt uns, was wir wollen und lasst uns teilhaben am normalen Leben!

Den Sonderpreis haben wir gewonnen, weil eine Gruppe auf dem Plakat einer Rollstuhlfahrerin den Satz „Ich habe ein Recht auf ein normales Leben!" in den Mund gelegt hatte.

Den Satz nutzt Frau Gemkow seither gerne und deshalb haben wir den Sonderpreis gewonnen und sind eingeladen worden und haben die Fahrt bezahlt bekommen, durften in die Staatskanzlei zur Preisübergabe und haben 100 Euro für Unterrichtsmaterial bekommen und einen unvergesslichen Tag erlebt!

Die Schüler hätten gerne mehr von der Staatskanzlei gesehen, das Ereignis vor Ort besser gesehen, anderes gegessen und mehr erlebt, aber es war sicher trotzdem ein unvergesslicher Tag für sie gewesen, die am Ende unter den Stehtischen gesessen haben und ihre Mini-Pizzen aßen und es sich gut gehen ließen…

Die Kellner waren begeistert von dem anderen Publikum und schienen es eher interessant als störend zu empfinden, dass die Schulklassen die Etage belebten, die sonst nur „alle schwarz gekleideten Männer" beherbergt, wie ein Schüler die Erwachsenen empfanden.

Für mich als Lehrerin war die „undankbare Sicht" vieler Schüler im Nachgespräch enttäuschend, aber realistisch.

Für viele Schüler war es entscheidend, dass sie nicht genug sehen konnten und dass ihnen das Essen nicht so zugesagt hatte und dass sie sich ein Fest anders vorgestellt hatten. Undank oder Offenheit?

Dieselben Anfragen wie die der „Behinderten"?…

Wie gehen wir damit um?

Anders sehen lernen?

Muss man dankbar sein, nur weil jemand meint, es gut mit uns zu meinen?

Ich habe allerdings auch gesehen, wie die Schüler es genossen haben, die Fahrt und das Geschehen. Müssen auch sie anders sehen lernen? Dankbarer sein?

 

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